In Kirgisien gibt es einen alten Brauch. Gleich nach der Geburt eines Kindes wird begonnen, in einer Holztruhe die Mitgift für eine zukünftige Hochzeit zu sammeln. Braut und Bräutigam werden so mit Geld und Gegenständen aus dem Familienbesitz für ihr neues Leben ausgestattet. Auch für Aidar, einen jungen Mann, der in Paris beruflichen Erfolg und außerdem die Liebe seines Lebens gefunden hat, steht diese Truhe im Haus seiner Eltern bereit. Aidar macht sich also mit seiner Freundin Isabelle, einer lebensfrohen Französin, auf den Weg in sein Dorf in den kirgisischen Bergen. Dort stellen die beiden bald fest, dass Aidars Mitgift nicht nur das Geschenk in der Truhe ist, sondern auch das mächtige Erbe aus Sitte und Tradition. Bei aller Herzlichkeit und Gastfreundschaft von Familie und Dorfbewohnern wird Aidar sehr schnell klar, dass es nicht einfach werden wird, sich den Erwartungen und Ansprüchen der Eltern zu entziehen. Mehr noch, zurück in den altvertrauten Verhaltensweisen, weiß der selbst nicht mehr, wie er sich verhalten soll und will. Und Isabelle ist zwar überwältigt von der landschaftlichen Schönheit und fasziniert von den fremden Bräuchen. Diese können aber auch barbarisch für europäische Gemüter anmuten. Dschingis Khan selbst scheint die Männern zu befeuern, wenn bei einem bizarren Reiterspiel ein Schaf die Rolle des Spielballs einnimmt. Beim Hochzeitsfest eines Cousins wird maßlos getrunken, wild getanzt und gesungen, bis die Feier in einer Schlägerei endet, als Aidar Isabelle vor den Belästigungen des Trunkenbolds Osonbai bewahrt. So leichtfüßig und offen sich Isabelle im Dorf auch bewegt, auch sie hat ihre französische Mitgift dabei. Dazu gehört die Selbstbestimmung einer unabhängigen Frau, die im Widerspruch steht zur traditionellen Machtlosigkeit der Frauen im Dorf. Auch Aidar wird ihr fremd. Er verschweigt, dass er sie heiraten will, er zögert und zaudert, hat Angst vor den Eltern und den Mythen, wonach ein Geschlecht verflucht ist, wenn der Sohn nicht die von der Familie vorgesehene Frau heiratet. Isabelle geht am Schluss, halb hat sie aufgegeben, halb wird sie von Aidar dazu gedrängt. Die tragische und komische Geschichte einer binationalen Liebe mit kulturellen Hindernissen ist damit aber noch nicht zu Ende erzählt.

Kirgisische Mitgift ist ein wunderbarer Film, urkomisch, traurig, abenteuerlich und märchenhaft zugleich. Dazu trägt die französische Schauspielerin Natacha Régnier ebenso bei wie der sympathisch ungelenke Hauptdarsteller Bolot Tentimyshov. Die Autorin des Drehbuchs hat sich dazu liebenswerte Charaktere ausgedacht: den Adorno zitierenden Postboten Yusup, der sich mit heiligem Ernst zum Retter der dörflichen Unversehrtheit berufen fühlt, den kleinen Timui, der Isabelle verehrt und heiraten will oder auch Azamat, Aidars älterer Bruder, der zu gern Arien aus La Traviata singt und alle mit seinem Frohsinn beglückt. Überhaupt die Musik! Komponist Alexei Aigoi gibt dem Film einen selbstverständlichen schnellen Rhythmus, zwischen Walzer und Hip Hop, als ob Klassik und Moderne auf natürliche Weise zusammengehörten.

Der erste Spielfilm des jungen kirgisischen Filmemachers, Nurbek Egen entwickelte sich aus seinem Kurzfilm „Sanzhyra“, der auf internationalen Filmfestivals mit Preisen geradezu überhäuft wurde. Es war nicht leicht, das nötige Vertrauen und die erforderliche finanzielle Ausstattung für den Film zu beschaffen. Schließlich konnte das Projekt aber mit Produktionsfirmen aus Russland, Frankreich, Deutschland und Kirgisien umgesetzt werden. Kirgische Mitgift hat seinerseits wieder zahlreiche Nominierungen und Auszeichnungen erhalten, darunter der Young Artist Award für den besten ausländischen Familienfilm in Los Angeles und viele Preise bei russisch-asiatischen Filmwettbewerben.